Dokumentation des Fachgespräch

Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung

Am 25. Mai haben wir im Rahmen eines öffentlichen Fachgesprächs im Niedersächsischen Landtag, die Ursachen und Risiken des anhaltenden und weiter zunehmenden Antibiotikaeinsatzes in der Tierhaltung sowie Möglichkeiten zur Lösung dieses Problems  diskutiert.

In acht Kurzvorträgen haben VertreterInnen aus Fachwissenschaft, Tier- und Humanmedzin, aus Interessensverbänden und Politik ihre Sicht auf dieses Thema dargestellt.

Wir stellen Ihnen hier eine Dokumentation dieses Fachgesprächs in der Reihenfolge des Ablaufs des Veranstaltung zur Verfügung.

Bilder der Veranstaltung

Einleitung

Seit dem 1. April 2012 werden in Niedersachsens Krankenhäusern Tiermäster automatisch als Risikopatienten auf gefährliche Keime wie MRSA und ESBL getestet. In den Niederlanden ist das schon lange Standard. Gleichzeitig nehmen die Warnungen von Medizinern vor dem massiven Antibiotika-Einsatz in der industriellen Massentierhaltung zu. Nach einer Studie aus Nordrhein-Westfalen werden rund 92% aller Masthühner im Laufe ihres kurzen Lebens von 30 bis 40 Tagen mit Antibiotika behandelt. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt das niedersächsische  Landwirtschaftsministerium: Demnach haben 97 % der untersuchten Puten, 76 % der Masthühner und 68 % der Schweine Antibiotika verabreicht bekommen. In rund einem Viertel der Fälle wurden bei Masthühnern sogar 4 bis 8 verschiedene Wirkstoffe in einem Durchgang verabreicht.

Der massenhafte Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung gilt als wesentliche Ursache für das verstärkte Auftreten multiresistenter Keime, sogenannter MRSA- und ESBL-bildender Bakterien. Nach einer BUND-Studie von Anfang Januar wurden auf der Hälfe der in Supermärkten verkauften Hähnchen diese Keime nachgewiesen, ebenso im Umfeld von Mastställen. Auch im Hühnerkot finden sich große Mengen Krankheitserreger, wie Laboruntersuchungen zeigen. Schweine aus tiergerechter Haltung und deren Halter haben hingegen nach einer Untersuchung des Robert-Koch-Instituts deutlich weniger Keime als in der agrarindustriellen Haltung. Der Präsident der Bundestierärztekammer Prof. Mankel fordert daher Besatzdichten etwa in der Geflügelmast zu reduzieren und zu stark wachstumsorientierte Überzüchtungen abzulehnen.

Problemaufriss - Christian Meyer, agrarpolitischer Sprecher der Grünen Landtagsfraktion

Nach seiner Begrüßung wies Christian Meyer zunächst darauf hin, dass das Problem der Massentierhaltung und damit auch des Einsatzes von Antibiotika deutlich größer sei als bisher angenommen. Dieses ergebe sich aus einem Vergleich der an die Niedersächsische Tiersuchenkasse gemeldeten Tierzahlen mit den Zahlen der offiziellen Agrarstatistik. Außerdem stellte Meyer die regionale Verteilung großer Tierzahlen und den wachsenden Zubau insbesondere im westlichen Weser-Ems dar, bevor er kurz in die Problemstellung zunehmender Resistenzen bei MRSA- ESBL-Keimen landwirtschaftlichen Ursprungs einführte. Für die Grünen ist das Keim- und Antibiotikaproblem eine Systemfrage der industriellen Massentierhaltung. Man müsse an dieses Kernübel der Haltung (Tierzahl, Tierdichte und Mastdauer) heran und nicht nur an Symptomen herumdoktern.

Präsentation Christian Meyer "Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung: Risiken – Ursachen – Lösungswege"

Abschließend stellte Christian Meyer den 14-Punkte-Plan der Grünen zur Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes zur Diskussion.

Pressemitteilung "Weniger Antibiotika in der Tiermast nur mit Abkehr von Massentierhaltung"

Antrag: "Zum Schutz der Gesundheit der Menschen: Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes in der Tierhaltung"

Verbreitung multiresistenter Keime aus der Tierhaltung und Gefahren für die menschliche Gesundheit - Prof. Dr. Wolfgang Witte, Robert-Koch-Institut

Prof. Dr. Witte führte zunächst die zunehmende Verbreitung sog. MRSA-Keime (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) aus. Er unterschied dabei zwischen solchen Keimen, die in Krankenhäusern vorkommen und jenen, die in der Tierhaltung entstehen. Der Experte des Robert-Koch-Instituts ging auf die direkten Gefährdungen landwirtschaftlich assoziierter MRSA und die Gefahren, die durch den Austausch von Resistenz-Informationen zwischen verschiedenen Bakterien-Stämmen für den Menschen entstehen können, ein, da er dieses Risiko als hoch einschätzt. Im zweiten Teil seines Vortrags setzte sich Prof. Witte mit dem Thema ESBL auseinander. ESBL steht für Extended-Spektrum β-Laktamase, eine Antibiotikaresistenz-Eigenschaft. ESBL-bildende Bakterien sind bei Mensch und Tier als Darmbakterien weit verbreitet. Eine Übertragung zwischen Mensch und Tier ist über direkten Kontakt möglich. Auch diese Folge des Antibiotikaeinsatzes in der Tierhaltung berge erhebliches Gefährdungspotenzial für den Menschen.

Skript Prof. Dr. Wolfgang Witte "Bedeutung von LA-MRSA und ESBL-bildenden Enterobacteriaceae bei Masttieren für den Menschen"

Gefahren für die Bevölkerung durch die Massentierhaltung und die Verbreitung multiresistenter Keime über Ställe und Hühnertrockenkot - Dr. med. Thomas Fein, Allgemeinmediziner aus Norden

Dr. Fein stellte heraus, dass die Keimbelastung in der Stallluft 120.000-fach höher als in der unbelasteten Außenluft sei. Selbst in der weiteren Umgebung eines Stalls sei die Keimkonzentration bis zu 1.000-fach erhöht. Als Gefährdungspotenzial für die Verbreitung von MRSA-Bakterien nannte der Mediziner auch die Ausbringung von Gülle und Hühnerkot auf zum Teil weit entfernten Flächen und den Tiertransport. Etwa 68,5% der in Deutschland verkauften Antibiotika-Menge würden in der Tiermedizin, davon wiederum 90% in der Nutztierhaltung eingesetzt. Ein besonderes Problem sei auch, dass die Bildung von Resistenzen durch die Unterdosierung von Antibiotika in der Nutztierhaltung gefördert werde; Resistenzen würden dadurch geradezu herangezüchtet. Auch Nutzpflanzen könnten die zuvor mit den Tierexkrementen auf die Felder gebrachten MRSA aufnehmen. Die Zahl der an MRSA erkrankten Menschen bezifferte Dr. Fein auf rund 500.000 jährlich; in rund 15.000 Fällen sei die Erkrankung tödlich. Auch bei weniger dramatischem Krankheitsverlauf seien die Behandlungskosten deutlich höher. Zu einer ähnlichen Analyse, wie er sie zuvor schon bei MRSA dargestellt hatte, kam der Mediziner auch bei den ESBL-bildenden Bakterien. Auch hier sei die Belastung in der Umgebung von Ställen, in der Luft, im Boden, wie auch in den Nutzpflanzen deutlich erhöht. Man werde sich entscheiden müssen, ob man Antibiotika künftig noch für die Behandlung von Menschen einsetzen oder sie zur Produktion billigen Fleisches nutzen wollte, spitzte Dr. Fein sein Fazit zu.

Vortrag Dr. Thomas Fein "Gesundheitsgefährdung durch agrarindustrielle Tierhaltung"

Ausmaß des Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung - Studie des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW - Peter Knitsch, Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz NRW

Der Leiter des Verbraucherschutz-Referats des nordrheinwestfälischen Landwirtschaftsministeriums stellte eine Studie des Landesamtes für Verbraucherschutz seines Landes zur Verbreitung des Antibiotikaeinsatzes in der Hähnchenmast vor. Demnach wurden rund 92% der Hähnchen im Laufe ihres Lebens mit Antibiotika behandelt; zum Teil mit bis zu acht Wirkstoffen. In rund 40% der Fälle seien die Präparate nur für einen Tag gegeben, eine mögliche Erkrankung der Tiere also nicht austherapiert worden. Dieses könne als Indiz gewertet werden, dass bei einer Reihe dieser Kurzbehandlungen nicht die therapeuthische, sondern die EU-weit seit 1996 eigentlich verbotene mastbeschleunigende Wirkung der Antibiotikagabe Ziel des Einsatzes entsprechender Präparate gewesen sei. Peter Knitsch stellte zudem anhand der Zahlen einen klaren Zusammenhang zwischen der Betriebsgröße und dem Antibiotikaeinsatz heraus. In kleineren Beständen seien Antibiotika in signifikant geringerem Ausmaß bzw. überhaupt nicht eingesetzt worden, als in großen Beständen. Ebenso werden in Biobetrieben deutlich weniger Antibiotika eingesetzt. Einen weiteren Zusammenhang habe es zwischen der Mastdauer und dem Medikamentenseinsatz gegeben. Je kürzer die Mast, desto höher der Antibiotikaeinsatz, bzw. desto seltener der vollständige Verzicht auf derartige Präparate. Abschließend stellte der Ministeriumsvertreter aus NRW die Forderungen und Planungen seines Landes zur Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes mit dem Ziel des mittelfristigen vollständigen Verzichts dar.

Vortrag Peter Knitsch "Antibiotikaeinsatz in der Hähnchenmast Ergebnisse der nordrhein-westfälischen Studie"

Antibiotika - notwendige Begleiterscheinung der Massentierhaltung? - Dr. Hermann Focke, ehemaliger Leiter des Veterinäramtes Cloppenburg

Dr. Focke zeigte zunächst Bilder aus Puten- und Hähnchenmastanlagen sowie von gekürzten Schnäbeln bei Geflügel, um die tierschutzrechtliche Problematik der intensiven Geflügelhaltung zu verdeutlichen. Er wies darauf hin, dass der massenhafte Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung kein neues Phänomen sei, sondern bereits seit langem vorkomme. Wie schon seine Vorredner Prof. Dr. Witte, Dr. Fein und Peter Knitsch wies Focke auf den Zusammenhang zwischen der Massentierhaltung und dem Antibiotikaeinsatz hin. Dieser sei eine notwendige Begleiterscheinung der Massentierhaltung, da große Tierzahlen andernfalls nicht auf engem Raum gehalten werden könnten.

Zudem wies der Veterinärmediziner nach, dass sich bereits sehr bald nachdem antibiotisch wirkende Präparate auf den Markt gekommen seien, erste Resistenzen gegen die jeweiligen Wirkstoffe gebildet hätten, dabei gebe es einen klaren Zusammenhang zwischen der Resistenzenbildung und deren Verbreitung und dem Verbrauch des entsprechenden Antibiotikums. Resistenzen seien in der Tierhaltung bzw. bei tierischen E-coli-Bakterien deutlich verbreiteter als beim Menschen.

Vortrag Dr. Hermann Focke "Antibiotika – notwendige Begleiterscheinung der Massentierhaltung?"

Präsentation Dr. Hermann Focke "Antibiotika – notwendige Begleiterscheinung der Massentierhaltung"

Systemfrage Massentierhaltung - Ist die tiergerechte (Bio-)Haltung besser? - Reinhild Benning, Leiterin Agrarpolitik des BUND-Bundesverbandes

Frau Benning nannte vor allem drei Faktoren, als Ursache dafür, dass in der ökologischen Tierhaltung in deutlich geringerem Maße Antibiotika eingesetzt werden: Die Haltungsform, in der den Tieren deutlich mehr Platz zur Verfügung steht bei gleichzeitig erheblich geringeren Beständen. Dieses führt zu einem signifikant geringeren Keimdruck in den Beständen. Darüber hinaus sind die Leistungsanforderungen an den Organismus des Tieres in der ökologischen Tierhaltung deutlich geringer, da unter anderem Futter mit einer dem konventionellen Futter vergleichbaren Energiedichte nicht zur Verfügung steht. Ein weniger in Anspruch genommener Tierorganismus ist damit deutlich weniger krankheitsanfällig. Der dritte wesentliche Unterschied zur konventionellen Tierhaltung besteht nach Aussage Bennings darin, dass der ökologische Landbau in deutlich geschlosseneren Systemen produziert. Wenn Jungtiere nicht im Mastbetrieb selbst gezüchtet werden, besteht vielfach zumindest eine klare Lieferantenbeziehung zwischen Zucht- und Mastbetrieb, so dass es geringere potenzielle Infektionsrisiken gibt. Die für den ökologischen Landbau getroffenen Aussagen seien weitgehend auch für eine artgerechte Haltung, etwa im Neuland-Programm gültig.

Vortrag Reinhild Benning "Antibiotikaresistente Keime aus der Tierhaltung Risiko des Systems Massentierhaltung? Ist tiergerechte (Bio-)Haltung besser?"

Wie kann der Antibiotikaeinsatz reduziert werden? - Dr. Thomas große Beilage, Vorsitzender des Arzneimittelausschusses der Bundestierärztekammer

Der Vertreter der Tierärzteschaft wies nach Vorstellung seiner Kammer zunächst auf den Fortschritt hin, den die "moderne" Landwirtschaft gebracht habe. Verbraucherinnen und Verbraucher verlangten nach preisgünstigen Produkten – etwa Hähnchen beim Discounter – und schätzten diese überwiegend positiv ein.

Die Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes könne nur mit den Praktikern aus der Tierärzteschaft und der Landwirtschaft gelingen. Der Tierarzt verordne aufgrund seiner Kenntnis eine medikamentöse Behandlung; ob, in welchem Umfang und über welchen Zeitraum eine Behandlung tatsächlich stattfinde, entscheide jedoch einzig der tierhaltende Betrieb. Der Tierarzt müsse erkrankte Tiere oder Bestände behandeln.

Dr. große Beilage sprach sich für die zügige Umsetzung datenbankbasierter Meldepflichten über den Einsatz von Antibiotika in der Nutztierhaltung aus. Auf diese Weise sei nachweisbar, ob bestimmte Betriebe oder bestimmte Tierärzte deutlich negativ auffielen. In diesem Falle sei den Ursachen auf den Grund zu gehen und schwarzen Schafen – sollte es sie geben – das Handwerk zu legen. Die Tierärztekammer habe bereits sehr frühzeitig Lösungsvorschläge vorgelegt. Nun sei es Aufgabe der Politik, diese zügig und mit Nachdruck umzusetzen. Der Vertreter der Tierärzteschaft wandte sich strikt gegen etwaige Planungen, das Dispensierrecht – also das Recht der Tierärzte Medikamente nicht nur zu verordnen, sondern auch zu verkaufen – abzuschaffen. Stattdessen müsse die Abrechung tierärztlicher Leistungen unabhängig von Medikamentengabe sein, die Diagnostik verbessert und die Beratung intensiviert werden.

Vortrag Dr. Thomas große Beilage "Wie kann der Antibiotikaeinsatz reduziert werden?"

Wie kann der Antibiotikaeinsatz reduziert werden? - Dr. Erwin Sieverding Verband der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft

Der Tierarzt Dr. Sieverding stellte für den Verband der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft fest, dass der Antibiotikaeinsatz in Deutschland deutlich geringer sei, als in vielen anderen europäischen Ländern. Demgegenüber sei aber der Antibiotikaeinsatz in der Humanmedizin in Deutschland deutlich höher. Auch von den rund 900 – 1.000 Tonnen in der Tiermedizin eingesetzter Antibiotika würden rund 30% für die Behandlung von Haustieren eingesetzt. Hier sei die Tendenz deutlich steigend.

Am Beispiel des Antibiotikaeinsatzes in der Käfighaltung von Legehennen, der faktisch nicht vorkomme, weil die Tiere nicht mit Kot in Berührung kommen, beantwortete Dr. Sieverding die Systemfrage deutlich anders als die ReferentInnen vor ihm. Dieses sei kein Phänomen der Massentierhaltung, sondern des potenziellen Infektionsrisikos, etwa durch das Herausfangen eines Teils des Bestandes Tage bevor der gesamten Bestand geschlachtet wird. Dieses sei auf den Prüfstand zu stellen.

Vortrag Dr. Erwin Sieverding "Wie kann der Antibiotikaeinsatz reduziert werden?"