Offener Brief Dr. med. vet. Werner an die Mitglieder des Kreistags Holzminden

Sehr geehrte Kreistagsabgeordnete!

Sie werden in der nächsten Zeit gebeten werden, mit Ihrer Entscheidung über die Teillöschung des Landschaftsschutzgebietes auf der Domäne Heidbrink die Voraussetzung für den Bau eines großen Milchziegenbetriebs zu schaffen.

Ich vertraue darauf, dass Sie sich diese weitreichende Entscheidung nicht leicht machen und sorgfältig Vor- und Nachteile prüfen.

Ich möchte Sie mit diesem Schreiben auf eine Problematik aufmerksam machen, die ein Milchziegenbetrieb in der geplanten Größe nach sich ziehen kann: Das Q-Fieber.

Beim Q-Fieber handelt es sich um eine Zoonose, die weltweit vorkommt und auch in Deutschland seit vielen Jahren endemisch ist. Sie wird hervorgerufen durch ein Bakterium (Coxiella burnetii), das die Eigenschaft besitzt, sporenähnliche Formen zu bilden, die sehr resistent gegenüber Umwelteinflüssen sind und über Jahre in Staub, Heu, Wolle und Zeckenkot überleben können. Der Verlauf des Q-Fiebers beim Menschen ist ein wenig vergleichbar mit der zur Zeit grassierenden "Schweinegrippe": Bei 50 – 60 % der infizierten Personen zeigen sich keine oder nur milde Symptome, die übrigen Erkrankten bekommen hohes Fieber, Kopf-, Muskelschmerzen und Schüttelfrost, ein Teil der Patienten entwickeln eine Lungen-, Leber- oder Herzklappenentzündungen. Bei Schwangeren kann ein Abort oder eine Frühgeburt ausgelöst werden. Es kommt zu vereinzelten Todesfällen. In ca 1 % der Fälle entsteht ein chronisches Geschehen, dass über 1 – 2 Jahre behandelt werden muß. Die Übertragung auf den Menschen erfolgt hauptsächlich aerogen, d. h. über das Einatmen von infektiösem Staub. Dieser kann bis zu 2 km vom Infektionsherd mit dem Wind transportiert werden. Der Erreger ist hochinfektiös, schon wenige Bakterien reichen für eine Infektion aus.

Die Symptome bei den befallenen Tieren sind weit weniger auffällig, im Wesentlichen kommt es zu einer erhöhten Abortrate und Fruchtbarkeitsstörungen. Der Erreger wird in sehr großer Menge mit den Geburtsprodukten (Fruchtwasser, Plazenta etc.) ausgeschieden und gelangt so in die Umgebung, wo er jahrelang persistieren kann.

Wir erleben derzeit den weltweit größten Ausbruch von Q-Fieber in unserem Nachbarland Holland. Während die Erkrankung vor 2007 mit jährlich maximal 15 Fällen weitgehend unbekannt war, steigt die Zahl der infizierten Personen seitdem explosionsartig an: 2007 waren es ca 170 Personen, 2008 1000 Personen und 2009 wurden bisher (November) 2200 erkrankte Personen registriert. Davon sind  6 Personen verstorben. Die Ausbrüche begannen in den Regionen, in denen sich die großen Milchziegenbetriebe befinden (Noord Brabant), weiten sich aber inzwischen auch geographisch aus. Die Untersuchung der Ziegenbetriebe hat ergeben, dass von den großen Beständen (>200 Tiere) ca 25 % infiziert sind (80 von 360). Die großen Schafbestände sind weit weniger betroffen (1 von 40).

Nachdem im vergangenen Jahr nur 36 000 Tiere geimpft wurden (mit einem nicht zugelassenen Impfstoff), laufen die Bekämpfungsmaßnahmen in diesem Jahr geradezu hektisch an und werden fast wöchentlich verschärft. Neben hygienischen Maßnahmen  (u. a. Verbot des Mistaufbringens), Sperrungen von Betrieben und Transportverboten wurden bereits 1,5 Millionen Impfstoffdosen geordert. Der Hersteller hat inzwischen Lieferprobleme, so dass geplante Impfungen in Bayern nicht durchgeführt werden können.

Es wird damit gerechnet, dass es noch Jahre dauert, bis diese Maßnahmen greifen, da der Erreger in der Umwelt lange persistiert. So wurden dieses Jahr Ausbrüche beim Menschen registriert in Regionen, in denen nur im Vorjahr Ziegen erkrankt waren. Man weiß bisher nur wenig über die Epidemiologie des Q-Fiebers bei Milchziegen.

Soweit mir bekannt ist, plant Herr Petri den Zukauf der Ziegen zum Aufbau seines Bestandes aus der am meisten betroffenen Region Noord Brabant.

Ein Ausbruch von Q-Fieber auf der Domäne Heidbrink hätte katastrophale Folgen für den Tourismus, ganz zu Schweigen von den umliegenden Gemeinden.

Mit meinem Schreiben möchte ich Sie auf diese potentielle Gefahr aufmerksam machen und bitte Sie, dies bei Ihrer Entscheidung zu berücksichtigen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Vera Werner

Zurück zum Pressearchiv